Lebenswelten ’68 in Freiburg

Freiburger Zeitzeug*innen berichten von ihren persönlichen Erfahrungen, ihrer Lebenswelt rund um 1968 – von den Fahrpreisdemonstrationen am Bertoldsbrunnen bis hin zu Alltäglichem wie Essen, Kleidung, Sexualität und Wohnen. Nicht die wissenschaftliche Repräsentativität dieser ausschnitthaften Narrative steht hier im Vordergrund, sondern das subjektive Erleben, das keinen Anspruch auf allgemeine Gültigkeit erheben möchte.

Zwischen „Drogenhöhlen“ und gutbürgerlichen Häusern lebte eine neue Generation Freiburger Studierender in den 1960er Jahren. Die in den Nachkriegsjahren aufgewachsenen jungen Menschen, die es zum Studieren nach Freiburg zog, lebten anders als ihre Eltern und Großeltern. Sie mussten nicht vor ständigen Fliegerangriffen in unterirdische Bunker flüchten – sie flüchteten lieber aus dem eigenen Elternhaus und fanden eine Zuflucht in neuen politischen Theorien. So zumindest ein Teil der politisch links stehenden Studierenden. Sie lehnten bürgerliche Traditionen ab, verweigerten eine kapitalistische Lebensweise oder stellten die herrschenden Geschlechterverhältnissen in Frage – so zeigt es retrospektiv ein Idealbild „der 1968er“ und die heroisierte Darstellung einer scheinbar homogenen und aufmüpfigen jungen Generation. Doch wie sah der Alltag der Studierenden um das Jahr 1968 tatsächlich aus? Was waren Orte „von 1968“ in Freiburg? Die Einzelschicksale ausgewählter Zeitzeug*innen geben ansatzweise wieder, was den Lebensalltag und den „Geist von ’68“ vielleicht ausmachte. Die kritischen Stimmen von 1968 sind 50 Jahre älter geworden und haben vielleicht zum letzten Mal die Möglichkeit, gehört zu werden.

Leben im Wohnheim – die Studentensiedlung am Seepark

Die meisten Studierenden in Deutschland wohnten bis in die 1950er Jahre zur Untermiete oder, wenn sie aus dem nahegelegenen Umfeld kamen, bei ihren Eltern. Während der Wiederaufbau Freiburgs nach den Kriegszerstörungen zunächst nur langsam voranschritt, entwickelte sich die Zahl der Studierenden rasant. Dass der Wohnraum für Studierende besonders knapp war, hatte mehrere Gründe. Der Rückgang des Baus von Sozialwohnungen, die allmähliche Entstehung von Eigentumswohnungen seit den 1960er Jahren sowie die Altstadtsanierungen führten dazu, dass der Wohnraum in der Innenstadt teuer wurde. Das geringe Angebot an Zimmern resultierte nicht selten in Mietwucher gegenüber zimmersuchenden Studierenden. Ab Ende der 1950er Jahre wurden in der Freiburger Studentenzeitung (FSZ) heftige Kritik am Wohnungsbau sowie Forderungen nach Wohnheimen laut.

Anfang der 1960er Jahre entstand die Studentensiedlung am Baggersee (heute Studentensiedlung „StuSie“ am Seepark), die ca 1.000 Studierenden ein Zuhause bot. Neu war bei der StuSie, dass erstmals auch Studentinnen die Möglichkeit bekamen, in ein Wohnheim einzuziehen. Zwei bis drei Stockwerke der Wohnhäuser sollten durch Studentinnen bewohnt werden. In den Gemeinschaftsräumen konnten sich Studierende aller Geschlechter begegnen. Daneben entstanden Gruppenhäuser, die nur für weibliche Studierende bestimmt waren.

Was die Studierenden von der Geschlechtertrennung im Wohnheim hielten, erzählt Traute Hensch, die zur Zeit der 68er-Bewegung an der Universität Freiburg sowie der Musikhochschule Studentin war und in der Studentensiedlung lebte.

Neben Wohnraum für Studierende gab es in der Studentensiedlung auch Wohnungen für Universitätsangehörige. Dies sollte den Kontakt zwischen Studierenden und Lehrenden erleichtern – welcher durch die Überfüllung der Lehrveranstaltungen erschwert wurde – und Raum zur gemeinsamen Diskussion eröffnen.

Traute Hensch berichtet vom Leben in der Studentensiedlung und vom Kontakt mit den Dozierenden:

von Nora Schröder

Quellen

Engelberger, Sebastian (2009), Studentisches Wohnen in den Jahren 1950 bis 1970 in Westdeutschland – mit besonderem Fokus auf die Hochschulstadt Freiburg im Breisgau. Hausarbeit vorgelegt am Historischen Seminar der Universität Freiburg.

Sexualität 68 in Freiburg

Neues Bahnhofsgebäude in Freiburg (Symbolbild für die alten Bahnhofstoiletten)

Sexualität war 1968 kein solch selbstverständliches Thema wie heute. Während es inzwischen in jedem Supermarkt Kondome zu kaufen gibt, musste man sich 1968 in Freiburg auf den unschönen Weg zur Bahnhofstoilette machen, um die Verhütungsmittel zu erwerben. Dies zeigt bereits die Verklemmtheit der damaligen Gesellschaft und der Freiburger*innen. Seit Mitte der 1960er Jahre griffen Studierende das Thema Sexualität, so etwa in der Freiburger Studenten Zeitung, erstmals auf. Von einem ausschweifenden Sexleben der Studenten und Studentinnen kann aber im Kontrast zum 68er-Klischee bei Freiburger Zeitzeug*innen nicht die Rede sein. So verrät Mechthild Blum der Badischen Zeitung im Interview, wie stark der gesellschaftliche Druck damals war:

„Bis dahin durften Männer und Frauen unverheiratet nicht zusammenziehen. Wurde eine Frau schwanger, war Heirat angesagt – oder sie war die Schlampe. Es waren unterdrückerische Verhältnisse.“

Sich von diesen sozialen Konventionen und Restriktionen zu lösen, war nicht leicht: „Das Thema war angstbesetzt, die Stimmung verschämt. Man sollte oder wollte dort schließlich über etwas reden, über das man noch nie gesprochen hatte – nicht mit der besten Freundin, nicht mit dem Partner.“

Eine wichtige Rolle in puncto Sexualität und sexueller Befreiung spielte die Beatkultur. Der Einfluss von „Mode, Musik und Tanz“ auf die Menschen trug zur Auseinandersetzung mit dem Körper und der Sexualität bei.

Die Pille, die ab 1961 auf den Markt kam, wurde nur von bestimmten Ärzt*innen verschrieben, Zeitzeuge Peter Harosky erinnert sich:

Eine ungewollte Schwangerschaft hatte häufig den Studienabbruch zur Konsequenz. Die Geschlechterrollen innerhalb von Beziehungen waren davon abhängig, wie aufgeklärt die eigene Erziehung bereits war. Es war nicht selten, dass Frauen, die schwanger wurden, in der Folge heiraten mussten oder von der Schule verwiesen wurden. Allerdings kam es auch vor, dass Beziehungen bereits gleichberechtigt verliefen, doch gab es bei vielen eine Diskrepanz zwischen theoretischer und praktischer Gleichberechtigung. Mehr zum Thema Frauen ’68 bei Immentalstraße 11.

von Alisa Lang

Quellen

Lauby, Carolin: „Das Studentinnenbild in der Freiburger Studentenzeitung“. Freiburg 2009. S. 15f.

Interview vom 11.04.2018, Badische Zeitung, „Die Freiburger Journalistin Mechthild Blum über die Frauenbewegung 1968.

Baacke, Dieter: „Beat die sprachlose Opposition“. München: Juventa 1970. S. 78-80.

David Kurz: Beatkultur in Freiburg zwischen 1963 und 1968. Freiburg 2011. S. 83.

Der Republikanische Club – Treffpunkt der linken Öffentlichkeit

Baustelle an Ort des ehemaligen Republikanischen Clubs gegenüber des Hauptbahnhofs

Im Republikanischen Club konnten sich die jungen Schüler*innen und Studierenden zusammensetzen und über ihre politischen Ambitionen diskutieren. Es gab wenige Räumlichkeiten für die politisch aktiven 68er*innen.

Am 19. März 1968 gründete sich in Freiburg der Republikanische Club (kurz: RC), den es bereits in Berlin, Marburg, Karlsruhe und Lindau gab. Am Tag der Gründung zählte er bereits mehr als 50 Mitglieder. Erster Vorsitzender war der SDSler Ekkehard Werner. Der Freiburger RC sah sich als Teil der politischen Linken und teilte sich in die Arbeitsgruppen „Freiburger Justiz, die Bildungssituation in Freiburg, Notstandsgesetzgebung, Parlamentarismus, rev. Bewegungen, Schule und Literatur“. Er definierte sich unter anderem als ein „Forum zur […] Planung gezielter politischer Aktionen“, weshalb er auch bei den Protestereignissen in Freiburg eine Rolle spielte.

von Alisa Lang

Der aka-Filmclub – mehr als nur Filmgeschichte

Gebäude des ehemaligen aka Filmclubs (Belfortstraße)

Seit den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts entstanden an den Universitäten der Bundesrepublik Zusammenschlüsse Studierender, die sich mit Film auseinandersetzten. 1957 gründete sich in Freiburg der sogenannte „akademische Filmclub an der Universität Freiburg“ (kurz: aka). Der aka machte es sich zum Ziel „künstlerisch wertvolle, filmhistorisch und filmsoziologisch interessante Filme aus dem In- und Ausland einem interessierten Kreis von Studierenden zugänglich zu machen”. Auch Gewerkschaften und Kirchen zeigten sozialkritische Filme, doch meist waren es die Filmclubs Studierender an den Universitäten, die sich mit den neuen Filmen oder auch der NS-Vergangenheit der Regisseure auseinandersetzten. Die Schwierigkeit bestand darin, an die Filme selbst zu gelangen. Zugang hatten solch kleinere Kinos bzw. Filmclubs hauptsächlich über Privat- und Filmarchive. Es war etwas Besonderes, wenn man etwa an eine Kopie von „Metropolis“ von Fritz Lang oder an Werke der Surrealisten gelangte. Skurrilerweise war – trotz der weltoffenen und kritischen Einstellung der aka-Mitglieder – der erste im aka gezeigte Film „Das Schwarzwaldmädel“ aus dem Genre der sogenannten „Heimatfilme“.

In den Filmclubs wurden nicht nur Kinofilme gezeigt, sondern die Studierenden wurden selbst kreativ. Sie produzierten eigenständige Filme, oft unkommerzieller Couleur, waren aber auch sonst nicht an konventionelle Rahmenbedingungen gebunden. In ihren Clubs setzten sie sich demokratisch und theoretisch mit dem Medium Film auseinander, sowohl in der Vorführung als auch hinter bzw. vor der Kamera. Um etwa das selbstgewählte Semesterprogramm dem Publikum in einem angemessenen Rahmen präsentieren zu können, fanden Vorträge oder Diskussionen statt.

Eine interessante Anekdote zum aka-Filmclub kann auch Hermann Hein erzählen, der ab 1968 zur Promotion wieder in Freiburg lebte.

von Leon Pfaff

Quellen

Salomon, Dieter (2007), „Grußwort des Oberbürgermeisters zum 50jährigen Bestehen des Akademischen Filmclubs“, in: aka-filmclub; URL: http://www.aka-filmclub.de/?a=jubel [letzter Aufruf: 29.08.2018].

Helmeke, Sandra (2008), „Der akademische Filmclub der Uni Freiburg“, in: aka-filmclub; URL: http://www.aka-filmclub.de/media/SWR2_interview_1.8.2008.mp3 [letzter Aufruf 29.08.2018]

Meißner, Pascal: Von Studenten für Studenten, in: Kinema Kommunal 2/2012, S. 8f.

Mensa(essen) und Politik

Mensa Rempartstraße heute

Bereits in der ersten Ausgabe der „Freiburger Studentenzeitung“ (FSZ) 1951 wurde das Essen in der lokalen Mensa als „zuweilen ‚sine grano salis‘“ – also kein Gramm Salz enthaltend – beschrieben. Doch wurde nicht nur die Qualität und die Größe der Portionen gerügt.

In der Mensa der Uni Freiburg ging es um mehr als nur die Qualität oder den Preis der Mahlzeiten. Beides war übrigens elementar für die Student*innen, denn die meisten konnten sich nur das Mensaessen leisten. Nur sehr wenige Studierende besaßen die Möglichkeit, für sich oder ihre Wohngemeinschaft außerhalb der Universität zu kochen. Die Mensa bot aber auch Raum für die politischen Auseinandersetzungen der Studierenden. So wurden in der Mensa Flugzettel für Demonstrationen oder die Theateraufführungen von „Protestautoren“ verteilt. Studierende konnten am SDS-Bücherstand systemkritische Titel wie „Der Einbruch der Sexualmoral“ und „Die Massenpsychologie des Faschismus“ erwerben.

Oder sie konnten an einer Spendenaktion zugunsten der „Republikanischen Rechtshilfe“, für die in der Mensa geworben wurde, teilnehmen.

Auch den Professoren war die Bedeutung der Mensa als Identifikationsort für die Studierenden, aber auch als gesamtuniversitärer Sozialisationspunkt bewusst.

Die Mensa der Universität Freiburg bot – und bietet auch heute noch – die Möglichkeit für soziale Begegnungen, für Austausch und die Diskussion vielfältiger gesellschaftlicher Themen. Von intellektuellen Diskursen über politisch-gesellschaftliche Probleme bis hin zu dem mehr oder weniger tolerierten Preis-Leistungs-Verhältnis des Mensaessens kam und kommt hier alles zur Sprache.

von Leon Pfaff

Quellen

Freiburger Studenten Zeitung (ZFG) 1951 01, S. 3.

FSZ 1968 06, S. 14.

FSZ 1968 08, S. 13.

Musikhaus Ruckmich

Gebäude des ehemaligen Musikhauses Ruckmich

Das Musikhaus Ruckmich in der Bertoldstraße bot in den 1960er Jahren eine der wenigen Möglichkeiten neue Musikstile und Künstler*innen kennenzulernen. Die Besonderheit an dem Plattenladen war, dass man sich die gewünschte Platte vor Ort aussuchen und direkt hineinhören konnte, ohne sie gleich kaufen zu müssen.

Generell war es schwierig an die neue Musik zu kommen, da in den wenigen damals verfügbaren Radiosendern nur deutsche Schlagermusik lief. Von einem Zeitzeugen wird das damalige Programm mit dem heutigen SWR4 verglichen.

Die Beatkultur hielt bereits Mitte der 1960er Jahre Einzug in Freiburg. So wurden die in Freiburg sehr erfolgreichen „Monks“ seit 1967 für fast jede Veranstaltung des AStA gebucht. Als Räume der Beatszene sind besonders „der Fuchsbau, der Hadeskeller sowie das Casino“ zu erwähnen. Das Publikum hier war sehr jung und, von Ausnahmen abgesehen, zwischen 16 und 20 Jahren alt. Allerdings fanden Beatveranstaltungen Mitte der 1960er Jahre teilweise auch schon in der Stadthalle statt. Mit der Tangente eröffnete in Freiburg die erste Diskothek.

Ab Ende der 1960er Jahre war die Jugend nicht mehr nur „von Plattenläden abhängig“, sondern konnte ihre Musik auch in Läden wie „Peter’s Experience Shop“ genießen. Dieser konzentrierte sich 1969 auf Psychedelic und Underground, verkaufte nebenbei aber noch Dinge wie „Meinungsknöpfe“, Second Hand LP’s und Räucherstäbchen. Im Untergeschoss des Ladens konnte auf Matratzen liegend Musik gehört werden. Hier verbanden sich Drogen- und Musikkonsum zu einem neuen Lebensgefühl. Erst mit den Monks, einer Freiburger Band, kam es dazu, dass die Student*innen, die vorher überwiegend Jazz hörten, näher mit der Beatszene in Berührung kamen. Die älteren Studenten hörten immer noch Jazz und verachteten Rockmusik, hier spaltete sich die Studentenbewegung generationell entlang der beiden Musikrichtungen.

von Alisa Lang

Quellen

Vgl. David Kurz: Beatkultur in Freiburg zwischen 1963 und 1968. Freiburg 2011. S. 60-71.

Kindertheater im Wallgrabentheater in der Rathausgasse 5a

Anfang der 1970er Jahre entwickelte eine Gruppe aus Freiburger Studierenden und jungen Berufstätigen im Wallgraben Theater eine neue Art von Kindertheater. Die Initiative hierzu ging vom damaligen Theaterleiter aus. Die Idee war es, Kindertheater jenseits von Märchen zu machen und das echte Leben in die Stücke miteinzubeziehen. Vorbild dieser neuen, damals als revolutionär geltenden Art Theater für Kinder zu machen war das Berliner GRIPS-Theater. Entwickelt wurden die Stücke in langwierigen Diskussionsrunden, die nicht hierarchisch, frei und selbstorganisiert waren, ganz im Geist von ´68.

Roland Burkhart, damals Student der Soziologie und Politik, später politischer Liedermacher und Buchhändler, hörte, dass die Gruppe noch jemanden suchte, der die Lieder mit den Kindern singt und stieg mit ein. Im Mittelpunkt der Stücke standen reale Themen aus dem Leben von Kindern und Jugendlichen, die häufig um Fragen der Autorität in der Erziehung kreisten. Dies stand im Kontrast zu Märchen, bei denen es meist um Gut gegen Böse ging und am Ende immer alles gut war.

Roland Burkhart dazu:

Die Themen waren provokant und gespeist aus der „Lust am Widerstand“. Sie stießen daher auch auf Empörung und Ablehnung in der Stadt. Jedoch wurden trotzdem viele Kinder mit den Stücken erreicht. Es dauerte nämlich eine Weile, bis sich in den konservativeren Kindergärten und Schulen herumgesprochen hatte, welche Ausrichtung die Inszenierungen hatten und die Besuche eingestellt wurden. Die Eltern, die sich für anti-autoritäre und freiere Erziehung engagierten, begrüßten jedoch die Angebote des neuen Kindertheaters im Wallgraben. In einem Jahr fragte die Stadtverwaltung an, ob die Gruppe nicht ein Theaterstück für den Weihnachtmarkt am Rathaus inszenieren könne. Sie erwartete eine klassische, höchstens etwas moderner angehauchte Version der Weihnachtsgeschichte. Stadtverwaltung und Publikum fielen aus allen Wolken: die Kindertheatergruppe präsentierte ein selbstgeschriebenes Anti-Konsum-Theaterstück – und das mitten auf dem Weihnachtsmarkt!

Roland Burkhart erzählt von dieser Aufführung und der Reaktion darauf:

von Emilia Kappel

Vom Wasserwerfer getroffen – Eindrücke von den Protestereignissen

Bertoldsbrunnen in der Stadtmitte

Der Bertoldsbrunnen ist das Sinnbild schlechthin für die 1968er-Bewegung in Freiburg. Doch wie erlebten die Menschen diesen Protest, was bedeutete er für die Einzelnen und ihre Lebenswelt? Traute Hensch zum Beispiel, damals Studentin der Germanistik und Schulmusik, ging eher aus Neugier zu einer der Demonstrationen am Bertoldsbrunnen. Sie war zu dieser Zeit noch nicht aktiv, aber sie wollte wissen, worüber sich die Leute da so aufregten. Eigentlich interessierte sie der Grund für die Demonstration nicht sonderlich, sie erinnert sich: „Und dann habe ich noch gedacht, also Fahrpreiserhöhung, interessiert mich das eigentlich? Eigentlich nicht, weil ich sowieso alles mit dem Fahrrad mache. Das fand ich irgendwie erstaunlich und auch so, dass ich dachte, ich muss mal rauskriegen, was läuft bei den Leuten, dass sie so einen Krawall machen“. Also ging sie an den Bertoldsbrunnen und wurde unfreiwillig mitten in die Geschehnisse gezogen.

Was dann geschah, schildert Traute Hensch so:

Nach diesen Erlebnissen beschloss sie, an den folgenden Demonstrationen teilzunehmen, auf die Straße zu gehen und nicht nur von außen auf dem Bürgersteig zuzusehen. Sie musste allerdings auch erfahren, dass das Engagement nicht von allen Menschen gut aufgenommen wurde.

Ihr Zahnarzt zum Beispiel zeigte ihr sehr deutlich, was er davon hielt, wie Traute Hensch im Interview erzählt:

Peter Harosky, damals Schüler und politisch aktiv, berichtet außerdem von heftigen Beschimpfungen bis hin zu Naziparolen, die den Protestierenden am Bertoldsbrunnen zugerufen wurden:

von Nora Schröder

Rund ums Schwabentor

Konviktstraße

Um 1968 musste Wohnen für die Studierenden – wie heute auch – möglichst günstig sein. Die meisten Studierenden lebten von der Unterstützung ihrer Eltern. Viele mussten sich neben dem Studium oder während der Semesterferien jobben. Verbreitet waren hier in Freiburg Jobs als Spüler*in in der Mensa oder in der Klinikküche, die Ferienarbeit am Fließband in großen Fabriken oder für junge Frauen die Arbeit als Haushaltshilfe in wohlhabenden Privathaushalten. In den 1960er Jahren erhielten ca. 15% der deutschen Studierenden die seit Ende der 1950er Jahre erstmals eingeführte Studienförderung des Staates, das Honnefer Modell, ein Vorläufer des Bafög. Dies kam vor allem Kindern aus Nicht-Akademikerfamilien zugute.

Die meisten Studierenden wohnten zur Untermiete in Zimmern bei privaten Vermietern. Die „Szene“ in Freiburg lebte zum Teil in regelrechten Bruchbuden, wie Bernd Hainmüller, Student in Freiburg in den 1960er Jahren, erzählt. Damals vor allem im Viertel rund um das Schwabentor, in der Konviktstraße, in den Hinterhöfen der Herrenstraße, auf der Gerberau und der Insel – dort war das Szeneviertel, runtergekommen und preiswert, bis zur Räumung und Sanierung Ende der 1960er Jahre. In den eigentlich abriss- oder renovierungsbedürftigen Häuser wurden Zimmer mit oftmals prekären hygienischen Bedingungen an die händeringend Wohnung suchenden und wenig anspruchsvollen Studierenden vermietet. Die Zimmer waren nicht selten ohne fließend Wasser, Dusche und Kochmöglichkeit, mit einer Gemeinschaftstoilette auf dem Hof oder bestenfalls im Gang, das Zimmer zudem unzureichend beheizbar. Mit Glück war wenigsten die verlangte Miete entsprechend günstig, Fälle von Mietwucher in solchen „Bruchbuden“ waren jedoch ebenfalls anzutreffen. Die bescheidene Wohnsituation vieler Studierender liess sogar die Verwaltung der Universität Freiburg aktiv werden: sie richtete 1964 Duschen im Kollegiengebäude II ein, in denen Studierende 20 Minuten für 45 Pfennig duschen konnten.

Die studentische „Szene“ suchte und eroberte sich um 1968 zunehmend Räume ohne Kontrolle durch Vermieter*innen: Es gab spontane Partys über ganze Häuserblocks und in der „Drogenhöhle“ in Peter’s Experience Shop im Hinterhof der Herrenstraße konnte man allerlei Substanzen zu psychedelischer Musik auf Matratzen im Keller konsumieren. Gegenüber diesem Hinterhof lag der vom SDS (Sozialistischer Deutscher Studentenbund) gegründeten Buchladen Libro Libre.

Wie es im „Szeneviertel“ so ablief erzählt der Zeitzeuge Bernd Hainmüller, der 1967 in der Insel 4 wohnte, im Interview:

von Emilia Kappel

Quellen

Mossmann, Walter (2009), Realistisch sein: das Unmögliche verlangen. Wahrheitsgetreu gefälschte Erinnerungen. Freiburg. S. 100.

o.V.: „Befreit die Kinder!“ (18.06.1969), in: Freiburger Studentenzeitung. Freiburg. S.1.

Jarausch, Konrad (1984), Deutsche Studenten 1800-1970. Frankfurt a. M.

Kinderläden in Freiburg

Im Juni 1969 startete „die erste Freiburger Kinderladengruppe“. In der FSZ (Freiburger Studentenzeitung) wurde als Adresse des Kinderladens die Bismarckallee 18, ehemals Hotel Europäischer Hof, genannt. Walter Mossmann verortet den Kinderladen in seiner Biografie allerdings in einer „angemieteten Etagenwohnung, Altbau, Nähe Schwabentor“. Später zog der Kinderladen in „ein ehemaliges Zechengebäude im Vorort St. Georgen“.

Im Freiburger Kinderladen konnten Kinder zwischen drei und fünf Jahren untergebracht werden. Die „Elterngruppe“ bestand aus Elternpaaren und alleinerziehenden Müttern. In der wöchentlichen Versammlung wurden alternative Erziehungsmodelle besprochen. Die „möglichst reibungslose[n] Heranziehung angepasster Kinder“ sollte verhindert werden. Kinder sollten durch das „Erlernen von sozialem Verhalten die Grundlagen autonomen Handelns und Denkens [..] bekommen.“

Die Erziehung der Kinder und die Diskussionen der Erziehungskonzepte diente auch der Elterngruppe dazu, sich selbst weiter zu entwickeln und die eigenen Prägungen und Verhaltensweisen kritisch zu reflektieren. Es wurde z.B. diskutiert, wie der „Konsumterror“ an Weihnachten zu umgehen sei. Aber auch weniger Ideologisches wie „verlorengegangene Jacken, Mützen, Schals, über Beziehungsknätsche der Elterngruppe und wer-mit-wem, Ernährung […] [und] Dienstpläne“ wurde verhandelt. Einmal pro Woche hatte jede Person aus der Elterngruppe einen halben Tag Dienst, an dem sie oder er mit den Kindern beschäftigt war.

Eine Projektgruppe „antiautoritärer Kindergarten“ entwickelte sich im Republikanischen Club. Die bestehenden Kindergärten boten keine Alternative für die 68er, da sie in ihren Augen die repressiven Erziehungsmuster durch religiöse und normkonforme Methoden, fortsetzten:
„Über 80% aller Aussagen von Kindergärtnerinnen während ihrer Arbeit sind nach neueren Untersuchungen Befehle.“ Diese Verhaltensweisen müssten den Kindern nachmittags dann extra wieder „wegerklärt“ werden und das Kind stecke so „in der Klemme zwischen zwei Autoritäten“. Der Kinderladen sollte eine Alternative zu diesem Modell bieten. Er war jedoch, so Walter Mossmann rückblickend in seiner Biographie,
„mit Abstand die stressigste und verbindlichste Gruppe, in der ich je war.“u

von Alisa Lang

Libro Libre

Gebäude des ehemaligen libro libre (Herrenstraße)

1968 eröffnete in der Herrenstraße 53 das „libro libre“. Ein Buchhandel, der eine Alternative zu den etablierten bürgerlichen Buchläden darstellen sollte und der gezielt auf ein politisch linkes Klientel ausgerichtet war.
Mit Anzeigetexten wie „Politischer Buchladen. Alles für den Klassenkampf“ oder „Politbuchladen. Agitationsmaterial für Lehrlinge, Schüler, Studenten. Boykottiert die bürgerlichen Buchläden! Kauft bei Genossen!“ , die in der Freiburger Studenten Zeitung geschaltet wurden, versuchte man, die Zielklientel zu erreichen. Im libro libre konnte die Kundschaft zwischen Werken politischer Theoretiker, linker Philosophen und in der BRD sonst nicht erhältlicher DDR-Autoren stöbern. Die sogenannten „Raubdrucke“, die zu dieser Zeit über und unter der Theke erhältlich waren, wurden zum Großteil in der WG in der Immentalstraße vervielfältigt.

Betrieben wurde die Buchhandlung, die für manche ihrer Kundinnen und Kunden auch eine Art Wohnzimmer darstellte, vom Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS). Es traf sich hier, wer an Literatur, Theorie oder an Kapitalkursen jenseits der universitären Räume interessiert war. Das libro libre wurde von den Studierenden als öffentlicher und politischer Raum wahrgenommen. Dies zeigt auch der Fall des SDS-Mitglieds Daniel Basi, der aufgrund angeblich begangener Straftaten abgeschoben werden sollte. Um sich dieser Abschiebung zu entziehen soll er angeblich „untergetaucht“ sein. Er war jedoch, ohne sich zu verstecken, häufig im libro libre präsent.

Ab 1969 spaltete sich die linke Studentenbewegung „zunehmend in kommunistische und sozialistische Strömungen auf“. So kam es, dass das ursprünglich vom SDS betriebene libro libre vom Kommunistischen Bund Westdeutschlands (KBW) übernommen wurde.

Michael Moos, damals wie heute politisch aktiv und am Stadtgeschehen interessiert und engagiert, beschreibt die Entwicklung wie folgt:

Mit der Schließung des libro libre gründete 1975 eine Gruppe „undogmatischer Linker“ die unabhängigere Buchhandlung Jos Fritz in der Wilhelmstraße, wo sie auch heute noch zu finden ist.

Traute Hensch erinnert sich an die skurrilen Geschehnisse und Auseinandersetzungen der verschiedenen linken Gruppierungen und deren Bücherläden:

von Leon Pfaff

Quellen

Hainmüller, Bernd (verm. 2018), „Gleich wird’s grün – Freiburgs erster Nachkriegsprotest“, in: Hainmüller; URL: https://hainmueller.de/publikationen/die-proteste-gegen-die-fahrpreiserhoehung-februar-1968.html [letzter Aufruf: 30.08.2018].

Freiburger Studenten Zeitung 1969 (4), S. 7.

FSZ 1969 (5) S. 6.

FSZ 1969 (8) S. 3.

“1968/2018”, in: Jos Fritz; URL: https://www.josfritz.de/de/buecher/weitere_buchtipps/1968.php [letzter Aufruf: 30.08.2018].

WG in der Immentalstraße 11

Gebäude der WG in der Immentalstraße

Die Entstehung der ersten Wohngemeinschaft in Freiburg hat einen ziemlich kuriosen Hintergrund: Allein aus dem Grund, dass die wohlhabende alleinstehende 70-jährige Frau Federer ihre Nachbar*innen im gutbürgerlichen Herdern provozieren wollte, vermietete sie zwei Etagen ihres Hauses an Studierende. Es entstanden zwei WGs, in denen jeweils vier bis sechs junge Menschen zusammenlebten. Das war außergewöhnlich, denn zum ersten Mal konnten die Studierenden im eigenen Wohnraum frei schalten und walten! Die meisten Student*innen wohnten bei den Eltern oder zur Untermiete. Die Regeln und Ansprüche der Vermieter*innen und Wirt*innen waren streng. Studentinnen durften beispielsweise, aus Angst vor „Sittenverfall“ und davor, was die Nachbarn denken könnten, keinen Herrenbesuch empfangen, mussten spätestens um 22 Uhr wieder zurück sein und sich äußerst leise und unauffällig (kein Rauchen, keine hohen Absätze, kein Radiohören) verhalten. Die in der ersten WG in der Stadt nun möglichen Freiheiten erschienen grenzenlos. An kaum etwas störte sich die schwerhörige, in der mittleren Etage wohnende Vermieterin in der Immentalstraße. Daher mutierte das Haus schnell zum neuen Treffpunkt der Szene: laute Musik, heftige Diskussionsrunden in der Küche bis spät in die Nacht, Raubdrucke im Bad, wilde Beziehungen, ein stetiges Kommen und Gehen…

Der damals dort wohnende Bernd Haimüller dazu:

Eingerichtet wurden die WGs in dem gutbürgerlichen Haus mit allerlei Fundstücken von den Sperrmülltagen im Viertel, denn Geld war immer knapp. Deshalb war die Küche auch ein einziges improvisiertes Sammelsurium an Möbeln, immer überquellend vor dreckigen Geschirrbergen, Müll und leeren Flaschen. Zahlreiche „Schmarotzer“ gingen in der WG ein und aus – wenn der Kühlschrank einmal voll war, war er auch gleich wieder leer, erzählt die ehemalige Bewohnerin Hiltrud Hainmüller heute. Für sie war der Zustand ein Graus, aber alles was mit Haushalt, Ordnung, kochen und putzen zu tun hatte, galt als absolut spießbürgerlich. Gegessen wurde einfach, meist Dosenravioli und Brot, ab und an kochte eine*r aus der WG für alle ein deftiges bürgerliches Essen wie Rindsrouladen. Überwiegend hat man sich jedoch günstig in der Mensa ernährt.

Die Zeitzeug*innen Hiltrud und Bernd Hainmüller dazu:

Dass aber für Haushaltsthemen immer noch vor allem die Frauen und nicht die Männer verantwortlich gemacht wurden, konnte auch in den politischen WGs noch nicht durchbrochen werden: So berichtet Hiltrud Hainmüller von einer Aktion, bei der Wandzeitungen in der WG-Küche aufgehängt wurden, da männliche Genossen nicht im Haushalt mithalfen:

von Emilia Kappel

Quellen

Wendt, Kornelia: Studentin sucht möbliertes Zimmer, in: Freiburger Studenten Zeitschrift, Ausgabe 3, Jahrgang 1967.

Hadeskeller und Hitparade – Musik um ‘68

Heutiges Gebäude am Ort des ehemaligen Hadeskeller (Stadtstraße)

Ein Teil der Subkultur, der wesentlich zum Mythos des globalen Protests von ’68 beitrug, war die neu entstandene Musik. Doch was heißt „neue Musik“ im Kontext von 1968? Sicher gründeten sich in diesem Jahr Bands, die im Laufe ihrer Karriere kommerziell erfolgreich waren, so etwa die Klassiker des heute als „Hard Rocks“ betitelten Genres: Gruppen wie Led Zeppelin, Black Sabbath und Deep Purple. Jedoch trugen diese Bands noch nicht wirklich zum „Mythos ’68“ bei.

Vielmehr war es die subkulturelle, sich frei entfaltende Jugend, die zum Träger eines musikalischen Bewusstseins wurde. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges formierten sich die jungen Menschen der Nachkriegsgeneration um neue musikalische Entwicklungen. Von Elvis über die Beatles bis hin zu den Stones wurde im Laufe der kommenden Jahre unterschiedliche Musik auf Platte oder live gehört und adaptiert. Als provinzielle Autodidakten brachten sich die Jugendlichen ihre Instrumente selbst bei und imitierten dabei ihre Idole.

Ging es den, oft aus Schülerkreisen stammenden, Musizierenden der frühen 60er Jahre in Freiburg nicht darum, gegen Autoritäten in Form ihrer Eltern, Lehrer oder das politische System, zu protestieren, so interessierten sie sich viel mehr für ideelle Eigenständigkeit, Selbstverwirklichung und die Entdeckung neuer Kulturen. Durch die Entstehung neuer sozialer Räume, den sogenannten „Beatkellern“, wurde ihnen Raum zur Entfaltung ihrer musikalischen Interessen geboten. Einer dieser Orte war der „Hadeskeller“, der 1964 zwischen den gutbürgerlichen Häusern der Stadtstraße eröffnet wurde. An Orten wie diesen konnte man der neuesten Musik von Platte und teilweise dank auftretender Bands auch live lauschen; sittlich tanzen und alkoholfreie Getränke zu sich nehmen.

Eine weitere musikalische Institution aus diesem Kontext war die Blaskapelle „Rote Note“, die von Universitäts- und Musikhochschulstudierenden 1973 ins Leben gerufen wurde. Sie war politischer als die vorausgegangene Jugendmusikwelle und musikalisch interessierter als die aufgespaltene linke Bewegung Studierender. Gegen die Kommerzialisierung der Musik auftretend, aber dennoch mit dem Wunsch, politisch linke Arbeiter- und Protestlieder einer breiten gesellschaftlichen Masse zugänglich zu machen, zeigt sich an diesem Beispiel die Crux antikapitalistischer bzw. unkommerzieller Musikkulturen innerhalb des kapitalistischen Systems: Der Versuch des revolutionären Umsturzes einer breiten Bevölkerungsschicht durch Musik war zum Scheitern verurteilt. Vielmehr war Musik der Katalysator rebellischer Theorie und unterstützte etwa in Form von Demonstrationsbegleitungen den praktischen Versuch revolutionärer Proteste.

von Leon Pfaff

Quellen

David Kurz: Beatkultur in Freiburg zwischen 1963 und 1968. Freiburg 2011.

Die redaktionellen Inhalte wurden erstellt von
Emilia Kappel, Alisa Lang, Leon Pfaff und Nora Schroeder.

Fotos: Leon Pfaff

Eine Crossmedia-Produktion von Studierenden der Uni Freiburg in Zusammenarbeit mit der crossmedialen Ausbildungsredaktion uniCROSS am Medienzentrum der Universitätsbibliothek Freiburg.

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