Es könnte unangenehm werden: Die Filmkritiken zum WS 2017/18

Den Aka mag ich, weil ich Filme mag. Seine unberechenbare Zusammenstellung an schmerzhaften, traurigen oder schlicht obskuren Kinofilmen ist für mich sein Markenzeichen. Nirgends sonst gibt es diese Atmosphäre aus WG-Runde, Filmabend und Feierabendbier. Und günstige Snacks gibt’s auch noch für alle, die sich nichts mitgebracht haben. Das trägt mich über die knarzigen 90 Grad-Klappbänke, die abgedunkelten Fenster, die ständige Kälte und den oft übersteuerten Ton im Hörsaal 2006 hinweg.

Für uniCROSS habe ich mich im Wintersemester 2017/18 ganze zehn Mal in diesen grässlichen Saal getraut. Meine Erfahrungen aus dem Kinosaal habe ich dann im Nachmittagsprogramm von uniFM geteilt sowie meine Einschätzung zum gezeigten Film abgegeben. Von Oktober bis Februar konntet ihr an vielen Freitagen eure persönlichen Erlebnisse mit den meinen vergleichen oder euch darüber informieren, was es denn eigentlich im Aka derzeit zu sehen gibt.

Für alle, die das Film-Semester noch einmal nachfühlen wollen oder diejenigen, die sich fragen, wie es denn eigentlich so ist, im Aka, und was es da überhaupt zu sehen gibt, sind hier zum Abschluss alle Beiträge zu meinen Aka-Besuchen einmal zusammengefasst.

Unter der Parole „Mr. Trump Goes to Washington“ stellte der Aka Filme zusammen, die einen Kommentar zur Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten und die Spaltung der amerikanischen Gesellschaft liefern sollten. „Demokratie steht unter Druck“ warnte der Filmclub dazu in seinem Programmheft.

Den Auftakt dieser politischen Filmreihe bildete All the President’s Men aus dem Jahr 1976. Seine Hauptfiguren Carl Bernstein (Dustin Hoffman) und Bob Woodward (Robert Redford) sind Journalisten der Washington Post, die ausgehend von der Watergate-Affäre Stück für Stück die Korruption im Weißen Haus von Richard Nixon offenlegen.

Der vielleicht ästhetischste Film des Aka-Semesters. Martin Scorsese inszeniert in Taiwan das Japan des 16. Jahrhunderts mit satten Blau-, Beige- und Grüntönen. Figuren versinken im dichten weißen Nebel oder unter dickem grauen Regen.

Zwei katholische Priester machen sich auf ins buddhistische Japan, um ihren alten Lehrer Ferreira zu finden. Allerdings begegnet ihnen dort erst einmal die japanische Inquisition mit endlosen Hieben und sagenhaften Schmerzen.

Als der Aka eine Woche lang Pause machte, begab ich mich zu einer Matinee in den Friedrichsbau, wo am frühen verregneten Sonntagmorgen der russische Film Mathilde Premiere feierte. Die Veranstaltung bot darüber hinaus ein Interview mit dem Regisseur, der extra eingeflogen wurde.

Darin kam unter anderem die Frage nach der Kontroverse auf, die der Film in seinem Entstehungsland ausgelöst hatte. Eine russische Abgeordnete hatte sich lautstark darum gesorgt, dass ihr verehrter Zar Nikolaus II. in Mathilde unvorteilhaft abgebildet sein könnte.

Mit „Kaum zu glauben“ kuratierte Valentina Escherich die vielleicht herausfordernste Reihe, die der Aka im Wintersemester 2017/18 anbot. Vier Filme sollten den Platz der Religion in der menschlichen Gesellschaft beleuchten. Silence war bereits ein schön anzusehender, aber auch ordentlich brutaler Beitrag gewesen, doch kein Programmtext konnte mich auf das vorbereiten, was Tore tanzt im Ärmel versteckt hatte.

Erschreckende Grausamkeit auf der Leinwand. Lähmende Hilflosigkeit beim Publikum. Keine Geschichte im Programm war so schmerzhaft wie die erste Regiearbeit von Katrin Gebbe. Noch Wochen später hat mich das Gesehene in Gedanken verfolgt.

Mit vielen verschiedenen Beiträgen begleiteten wir die Feierlichkeiten zum 60. Geburtstag des Aka-Filmclubs. Metropolis machte den Anfang und brachte einen vierwöchige Reihe zu Fritz Lang in Gang. Am Jubiläumstag selbst lief dann mit The Wizard of Oz ein echtes Highlight der Kinogeschichte.

Der Aka machte keine halben Sachen und zeigte Dorothys Reise nach Oz in echtem 35mm Technicolor-Film im englischen Originalton und Untertiteln. Tolle Farben, eine gute nicht zu verkratzte Kopie und ausverkauftes Haus. The Wizard of Oz sorgte für einen ganz besonders heimeligen Kinoabend.

Zwei Anthropologen begleiteten Hochseefischer auf ihren langen Ausfahrten in den eisigen Nordatlantik. Ihre Go-Pro-Kameras montierten sie an alles was, sich an Bord finden ließ. Dabei entstand mit Leviathan ein geradezu poetischer Film über den gnadenlos-maschinellen Fischfang des 21. Jahrhunderts.

Es waren anstrengende 90 Minuten, die ich in diesem Film verbrachte. Allerdings konnte ich mich der Verlockung nicht entziehen, wenigstens einen Film aus der Reihe mit dem schmissigen Titel „Der Tod auf dem Boot“ zu sehen, die der Aka bis kurz vor Weihnachten laufen ließ.

Der letzte Film aus der Aka-Reihe zu Fritz Lang. Kein großer Kracher, aber eine technisch sehr saubere Produktion. Für alle, die sich für Film als Erzählmittel begeistern gutes Anschauungsmaterial.

Allerdings handelt es sich hier um das Remake eines französischen Films namens La bête humaine (1938), der um einiges besser ist. Leider war Human Desire nur als TV-Stream mit deutscher Synchronisation im HS 2006 zu sehen. Kinofeeling kam daher nicht so wirklich auf.

Per Kickstarter-Kampagne finanzierte Taryn Brumfitt ihren Dokumentarfilm zum weiblichen Körperbild. Nicht nur wurde der Film zu einem überraschenden Erfolg, ihre Message – „Embrace your body“ – zog ein Selbsthilfeprogramm nach sich, das die Australierin mittlerweile für $40 auf ihrer Webseite vertreibt.

Welche Reichweite Embrace zum Zeitpunkt der Vorführung im Internet bereits erreicht hatte, drückte sich durch einen ordentlich gefüllten Aka-Kinosaal und großen Beifall zum Ende hin aus.

Nordkorea ist zu einer globalen Faszination geworden. Es häufen sich legale und illegale Dokumentarfilme, die alle mit dem Versprechen antreten, der Welt endlich diesen für den Westen so seltsamen Staat zu erklären.

Die deutsch-koreanische Regisseurin Sung-Hyung Cho führen allerdings ganz persönliche Motive in das vom Rest der Welt isolierte Land: Sie möchte endlich einmal ihre „Brüder und Schwestern im Norden“ kennenlernen und sich mit ihnen individuell über ihr Leben, ihre Träume und ihren Alltag unterhalten.

Der Österreicher Ulrich Seidl drehte mit Paradies eine Trilogie über Liebe, Glaube und Hoffnung im 21. Jahrhundert. Der Aka zeigte den ersten Teil Paradies: Liebe auf echtem 35mm-Film für eine relativ große Gruppe motivierter Zuschauern/innen. Sie alle erlebten eines der intensivsten, aber nicht unbedingt spaßigsten Kinoerlebnisse der Saison.

Seidls Stil ist geprägt von seiner Zeit als Dokumentarfilmer: Die Dialogszenen fühlen sich an, als würde das Publikum zufällig in einer Privatsituation stören. Im Laufe der Handlung entsteht der Eindruck, dass hier ganz einfache Menschen in ihren dunkelsten Momenten beobachtet werden.

Ein weiterer australischer Film, der mithilfe einer Crowdfunding-Kampagne zustande kam. Die ehemalige Schauspielerin Jennifer Kent erlernte das Regie-Handwerk als Praktikantin in einem Lars von Trier-Film. Darauf schrieb und drehte sie den Kurzfilm Monster und veröffentlichte diesen im Jahr 2005. Neun Jahre später erschien mit dem Horrorfilm The Babadook der große Bruder zu ihrem Erstlingswerk.

Unterstützt wurde sie bei der Produktion ihres ersten Spielfilms von der befreundeten Schauspielerin Essie Davis und dem erst siebenjährigen Noah Wiseman, dessen beeindruckende Darbietung einen gewichtigen Teil der Handlung schultert.

Nicht jeder Film, den ich vergangenen Winter im Aka gesehen habe, hat mir persönlich gefallen.

Klar, das Programm des Filmclubs orientiert sich nicht an den Veröffentlichungen der Kinosaison. Weshalb es sicher leichter wäre, sich allgemein anerkannte Filmhighlights wie für einen Videoabend rauszupicken und damit das Risiko einer unangenehmen Kinoerfahrung für sein Publikum weitgehend zu vermeiden.

Allerdings weiß ich es zu schätzen, dass der Aka so mutig ist und Filme zeigt, deren Themen – deren Handlungsstoff – mich vor allem ansprechen. Das ist es, was die Ausflüge in den Hörsaal 2006 für mich so wertvoll machen. Manche Filme gaben mir zudem noch die Möglichkeit, endlich die Arbeit von bekannten Filmschaffenden zu sehen. Manche Filme waren in der Lage, etwas über unseren Zeitgeist auszusagen. Dafür akzeptiere ich auch, dass ich nicht bei jedem dieser Filme das Gefühl für Raum und Zeit verliere und in die Welt der Figuren gesaugt werde.

Nach der Vorstellung festzustellen, dass ich den Film nicht wirklich mochte, gehört für mich schlicht auch zur Kinoerfahrung dazu. Ohne einen schlechten, kann ich auch nicht einschätzen, was ich persönlich für einen guten Film halte. Wenn es Mathilde nicht gäbe, dann wüsste ich nicht wie gut Paradies: Liebe tatsächlich ist.

Fotos: Ilyas Buss
Rezensionen, Texte und Design: Philipp Mentis

Dank an Benny Schmid für Ideen und Korrekturen